
Sunshine
Vicky ging allein im Park spazieren.
Das tat sie öfter, wenn Zuhause dicke Luft war.
Es war nicht so, dass die Luft fast platzen würde, eher wie die Atmosphäre um einen Misthaufen herum:
man weiß nicht so genau, was alles drin ist, aber es schwelt ein unguter Dunst herum...
Das war der Moment, an dem Vicky anfing, gut für sich selbst zu sorgen:
sie schlich sich aus ihrem Kinderzimmer und packte ihre Trinkflasche, eine Tüte Lakritzschnecken, die gerade frisch gemachte Kuschelwärmflasche und ihre kleine Felldecke, die sie von Oma zur Geburt geschenkt bekommen hatte, in ihren roten Rucksack und ging, ohne von den streitenden Erwachsenen bemerkt zu werden zur Haustür. Sie wusste, wenn sie in einer Stunde zurückkommen würde, wäre die Zuhause-Welt wieder in Ordnung. Und, noch wichtiger: es hatte NICHTS mit ihr zu tun, wenn die Beiden zum 100en Mal irgendwelche dummen alten Dinge bestreiten wollten.
Leise ließ sie die Tür ins Schloss fallen...
Sie hatte Glück: der Sturzregen von heute Mittag war in einen Nieselregen übergegangen, der nicht durch ihre Jacke drang. Sie ging zielstrebig die Straße hinauf, die zum kleinen Park hinter der Kapelle führte und schon als sie den Fuß durch das kleine rostige Eingangstor schob, durchströmte sie ein herrliches Gefühl: sie hatte Ruhe im Kopf - und diese breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Sie blieb kurz stehen schloss die Augen und atmete die feuchte Herbstluft tief ein.
Was war DAS denn... es war wie Zauberei: obwohl sie noch nicht angekommen war, fühlte sie sich schon so geborgen, vielleicht weil sie wusste, dass sie gleich im Baumhaus sitzen und ihre Lieblingsmusik hören würde. Wahnsinn, wie nur die Vorstellung auf diesen gemütlichen und sicheren Ort sie in einen wunderbar friedlichen Zustand versetzten konnte! Sie genoss das Kribbeln der positiven Energie in jeder Körperzelle. Wie Wellen durchströmte sie die Wärme.
Das zärtliche Zwitschern eines neugierigen Rotkehlchens, welches es sich auf dem rostigen Törchen direkt neben ihrem Ohr bequem gemacht hatte, holte sie wieder zurück...
Die Beiden schauten sich freundlich an. Das Vögelchen legte den Kopf schief und Vicky machte es nach.
Als das Rotkehlchen losflog, stellte sich Vicky vor auch durch den Park zu fliegen. Wie schön musste das sein, so leicht und luftig über allem herzuschweben - alles Schwere unter sich zu lassen...
Sie ging den kleinen Weg über die Wiese am Bach entlang. Da konnte sie hinter der Holzbrücke schon das Baumhaus entdecken: jetzt, wo schon viel Laub heruntergefallen war, lag es nicht mehr ganz so versteckt zwischen den alten Ästen der Weide. Das Rotkehlchen hatte sie begleitet: es saß ganz zutraulich auf dem Brückengeländer und schaute sie eindeutig fröhlich und auffordernd an. Vicky freute sich und ging vorbei. Mit gekonnten Griffen kletterte sie den vertrauten Baum rauf und zog die Strickleiter runter. Ein paar letzte anstrengende Züge und sie konnte ins Innere ihres Zufluchtsortes schlüpfen:
Im Schneidersitz setzte sie sich auf die alte weiche Matratze und knipste die gemütliche Taschenlampe an, die sie vor ein paar Wochen am Ende der Sommerferien mit einer Wollkordel und einer Heftzwecke an der Decke befestigt hatte. Überhaupt: es war mittlerweile richtig gemütlich geworden hier: aus drei unterschiedlich großen Amazon-Pappschachteln hatte sie gekonnt ein Regal-Arrangement an der Wand installiert - wozu eine geklaute Schachtel Heftzwecken alles gut sein konnte...
Mama hat schon tausendmal gefragt, wo diese Schachtel geblieben sei... Vicky stellte sich taub... wenn man sein Kind im eigenen Zuhause mit Erwachsenenstreits belästigt, ist ja wohl ungebeichteter Heftzweckendiebstahl kein wirkliches Verbrechen... eher so etwas wie ein annähernder Ausgleich..., da könnte sie noch so einiges ungefragt mitgehen lassen...
Sie öffnete ihren Rucksack und stellte Essen und Trinken in das mittlere Regal. Die Wärmflasche drückte sie einmal fest an sich, roch den Zuhause-Duft und fühlte den flauschigen Faultier-Bezug... ihr Lieblingstier und Vorbild für ihre Auszeiten im Baumhaus: einfach in der Welt 5e gerade sein lassen und gechillt ausruhen...
Die Kopfhörer steckte sie in ihre Ohren, zog ihr Handy aus der Hosentasche und legte es zu ihrem Notizbuch, welches geduldig im kleinsten Regal neben einem Kugelschreiber vom Kieferorthopäden auf ihren nächsten Eintrag wartete.
Dann kam das Wichtigste: ihr "dickes Fell", wie sie die Felldecke nannte... sie legte sie über ihre Schultern und stellte sich vor, wie sie dadurch gegen blöde Dinge besser gewappnet ist. Sie übt nämlich gerade, Dinge aus dem Außen nicht so sehr in ihre Seele reinzulassen. Besonders, wenn sie selbst gar nichts damit zu tun hat. Die Decke half ihr, sich selbst gut zu fühlen und ihre gute Energie bei sich zu behalten, obwohl Zuhause gerade Misthaufenzeit war.
Sie hatte das schon öfter gemacht und heute war sie richtig zufrieden mit dem schnellen Ergebnis... wahrscheinlich lag es auch mit an der Rotkehlchenfreundschaft, die sich gerade zärtlich zu entwickeln begann. Vicky fühlte sich so leicht und beschwingt und hatte den Eindruck, dass es das vom Rotkehlchen lernen sollte: denn fast schon aufdringlich, oder eher mutig saß es jetzt oben in einer kleinen Lücke im Holz der Baumhauswand und fing wieder an zu singen. FÜR VICKY - das spürte sie an der Art und Weise wie die kleinen schwarzen runden Knopfaugen sie direkt anschauten.
Sie nahm ihr Handy und suchte ein bestimmtes Lied. Sie lehnte sich entspannt an die Wand, nahm eine Lakritz-Schnecke, rollte sie langsam ab und knabberte daran.
Dann schloss sie die Augen, drückte auf Play und Pinks Stimme durchflutete ihre ganze Wahrnehmung. Sie fühlte sich wie auf Wolke 7... als sich die gesungenen Worte wie Sonnenschein um ihren Körper schmiegten und sie sich selbst ihre Seele mit guter Zeit berieseln ließ...
Plötzlich flog das Rotkehlchen los und setzte sich auf Vickys linke Schulter. Das war ein Bild, das hätte jeden Fotowettbewerb gewonnen... aber Niemand hat es gesehen. Nicht mal Vicky selbst hat bemerkt, dass ihr kleiner Freund sich so nah an ihr Herz getraut hat.
Noch auf dem Nachhauseweg war sie ganz erfüllt von ihrer heutigen Auszeit im Baumhaus. Den ganzen Tag hütete sie das liebevolle Gefühl in ihrem Herzen.
Als sie die Wohnungstür öffnete, kam ihr Apple-Crumble-Duft und Papas Stimme entgegen:
"Vicky! da bist Du ja! Es gibt Kakao und Apple-Crumble... hast Du Lust drauf?"
Judith Brormann 11/25